Andere über uns (2)

Jan Edler (1997)

>RASTSTÄTTE< IST RESONATOR UND SOMIT INSTRUMENT- ODER VIELLEICHT EHER ECHOLOT- >RASTSTÄTTE< WIRD KULTURRAUM GENANNT- IST ABER VIEL MEHR KULTURVOID [LÜCKE]- DIESE LÜCKE IST IDEE/INHALT/PROGRAMM- DER RAUM >RASTSTÄTTE< IST ZEITWEILIGER ÜBERTRAGUNGSORT UND ALS SOLCHER KONKRET ZU BESCHREIBEN- DER VOID ALS INHALT IST PROGRAMM UND SOMIT NUR ZU UM- SCHREIBEN- DER SO GESCHAFFENE FREIRAUM OFFERIERT DIE MÖGLICHKEIT IN DIESEN EINZUSCHREI8EN- DIES GENERIERT ERSTAUNLICH VIEL MOTIVATION/ EMOTION UND NICHT ZU LETZT POTENTIAL- ICH BIN GESPANNT AUF WEITERE PROJEKTE.

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Tom Stoff (1997)


Unternehmen: Raststätte

Die Raststätte könnte als ein Unternehmen angesehen werden, das diversen kreativen Kräften ermöglicht, genau das zu verwirklichen, was diese können. Wenn der Philosoph Friedrich Nietzsche noch die Macht der Staatsgründer und derjenigen, die sie verwalten, dadurch definiert, daß diese in der Lage seien, die kreativen Kräfte des Individuums von dem zu trennen, was sie können, um sie dann in reaktive Kräfte zu transformieren, die einzig und allein den Interessen dieses kapitalistischen Staates dienen, so kann das Unternehmen "Raststätte" als ein Versuch angesehen werden, genau an diesem Punkt eine Umkehrung vorzunehmen. Dadurch, daß die Raststätte empfänglich ist für Produkte aus offensichtlich unterschiedlichen Gebieten und Strömungen, fungiert sie als Patchwork, das - einem offenen System gleich - einen Konvergenzpunkt zwischen Kunst, Musik, Performanz, Computerkunst, Film, Malerei, und neuen Medien konstituiert.

Die Intention der Raststätte ist es, etwas passieren zu lassen, das einen produktiv kreativen Raum aufstößt, der Kunst in Szene setzt.

Die Raststätte ist eine Organisation, die auf der Insistenz hartnäckiger, autonomer Charaktere gegründet wurde und ihre Selbstorganisation zum primären Prinzip erklärt hat. Auf die Frage, was denn nun die Raststätte im wesentlichen sei, muß dem Fragenden mitgeteilt werden, daß genaue Definitionen leider nicht geliefert werden können, da ansonsten der Idee, die hinter dem "Projekt Raststätte" steht, widersprochen würde. Das primäre Attribut, das dem Projekt zugesprochen werden könnte, ist das der Rhizomartigkeit; und bekanntlich ist das Rhizom eine Wildwuchswurzel, dessen Wachstumsverhalten niemals exakt definiert oder koordiniert werden kann. Diese Metapher kann durchaus auf die Auffassungen von Kunst und Kultur, die die jeweiligen Organisatoren von dieser haben, übertragen werden. Dem ständigen "Interpretieren" setzen die Funktionäre ein ewiges "Experimentieren" entgegen.

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Hans Dieter Huber (1996)

Die Jungs von der Raststätte

"Mehrwert" , "Raststätte" , "Netzkulturen" , "Heimat" , immer mit "e.V." hinten dran, locken dich auf eine falsche Fährte. Ich stelle mir eine Fifty-Tankstelle vor mit weit ausragendem Vordach, roten Metallstützen, schrägen Glasscheiben, an einem Kreisel oder einer grossen Einfallstrasse in Aachen. Als Gregor am Telefon sagt, dass der Pächter im ersten Stock ein Zimmer hätte, wo ich übernachten könnte, denke ich an eine Gaststätte mit Schlüsselbrett an der Theke. Ich komme in Aachen an und die Raststätte ist gar keine Gaststätte und auch keine Tankstelle, sondern ein ehemaliger Gemüseladen. Innen befindet sich gar nichts, nur ein staubiger Betonfussboden ohne Estrich. Es riecht nach Presslufthammer. Massivste Stahlträger mit rostigen Fleischerhaken hängen aus den Deckenresten. In dem Staub Kilometer von Koax-Kabeln, ein wackliges Tischchen mit ebensolchem Stuhl, PC und Tastatur. Noch eine kleine Nirosta-Spüle mit dem üblichen, unabkömmlich dunkelgrauen Plastik-Rohr als Skulptur sichtbar in den Raum drapiert. Arte Povera Chic oder ist nur das Geld ausgegangen? Einer pappt einen 20.000 DM Beamer mit Transportbändern und schwarzem Gaffertape an die Decke. Is' ja nich' mein Beamer. Jedenfalls beschliesse ich, sorgfältig darauf zu achten, an diesem Abend nicht unter dem Gerät zu stehen. Eiskalt drin. Ich frage den Pächter, ob er einen warmen Pullover für mich hätte. Sehe aus wie ein Skilehrer aus St. Johann.

Publikum trollt ein. Man kennt sich. Vom 40-jährigen Hippie über freiwillige Umschuler zu hippen Designstudentinnen, Ökos, Avantgardoes mit Fluppe im Mund. Auch 'ne Oma mit Dutt und Brille kommt rein. Muss sich verlaufen haben. Ist gestopft voll. Viel zu wenig IKEA-Klappstühle, selbst im Schaufenster ist keine Backe mehr frei. Langsam wirds wärmer. Jeder Redner hat 10 Minuten, danach wird ihm der Hahn abgedreht. Sie stehen in der messerscharfen Projektion des Beamers und tauchen ins blaue Leuchten des Datenschirms. Auf den Gesichtern zeichnet der Kathodenstrahl eine Topographie ferner Nähe. Der Informatiker tippt fehlerlos die schwierigsten URLs per Zufruf ein. -- und da ist die Seite.

Was auf den ersten Blick ungekonnt aussehen mag, ist jedoch Resultat grösster Präzision. Sprezzatura - gekonnte Nachlässigkeit - würde Castiglione den Jungs von der Raststätte attestieren. Ein superschneller ISDN-Anschluss lässt die Seiten förmlich auf den Bildschirm poppen. Die Projektion ist ausgezeichnet, superscharfes Bild, klasse Farben, 3x5 Meter gross glüht die Wand in blauen Pixeln. Eine einmalige Crew ist da am Werk. Man müsste sie auf Tournee schicken in die digitalen Katakomben verräucherter Clubs: "Die Drei von der Raststätte."