Sa 16.12.2017, 20.00 Uhr

Die Sonne - Aber die Landschaft
Konzert, Musik

Die Sonne „Aber die Landschaft“
von Oliver Uschmann
 
Echte Einzigartigkeit ist in der Popmusik so selten wie ein Auftauchen des gelben Korbblütlers außerhalb der Küstenklippen Französisch-Polynesiens. Meist wird sie nur behauptet, in Werbezetteln oder Interviews, manchmal sogar in Kritiken, die einen Korbblütler vermuten und doch nur einen Ginster vor sich haben. Im Falle dieser Band ist sie jedoch wirklich gegeben.
 
Allein der Einstieg ist ungeheuerlich. Ein unvergessliches Bild. Oder besser: Ein dermaßen gut getroffenes Gefühl der Beklemmung, wie es viele kennen und es bislang niemand so ausformulierte. Das Schweigen zwischen zwei Menschen, deren Nähe zerbrochen ist und der Blick aus dem Autofenster in vor Verzweiflung enthusiastischer Affirmation. Alles liegt in Trümmern, „aber die Landschaft ist wirklich wunderschön.“ Regiert hier der persönliche Bruch, legt Sänger und Texter Oliver Minck in „Alles muss wachsen“ den Finger in die gesellschaftlich bedeutsamste Wunde, die zugleich eine allzumenschliche ist. Denn „alles“ ist „viel zu klein“, von der Wohnung bis zum Anspruch, vom Ehrgeiz bis zum Auto, folglich muss es wachsen, immer weiter wachsen. Keine wissenschaftliche 800-Seiten-Abhandlung über die Maßlosigkeit menschlicher Hybris kann mit dem bösen Spott dieses Songs mithalten. Minck setzt seine Worte dabei wie sonst niemand in der deutschen Musiklandschaft. Kristallklar artikuliert und zugleich spöttisch, ohne in die Überheblichkeit des Zynikers abzudriften, dem unterm Strich alles egal ist. Minck liegt etwas an seinen Themen, und seine Lösungen klingen so schlicht wie wahr. „Es sind nur Kriege, Kriege, wir müssen sie nicht führen“, singt er zum wonnig-wippenden Rhythmus eines Jahrmarkts in Twin Peaks. Entzieht er sich den Produktivitätsansprüchen der Gegenwart, indem er das Aufschieben glorifiziert („Das Universum“), klingt Die Sonne für Momente wie Crowded House. „Realität“ greift auf die seidig-synthetischen Mittel zurück, mit denen in den Achtzigerjahren Bands wie Spandau Ballett ihre Balladenzelte aufspannten, beherbergt aber keine Liebesschnulze, sondern die ewig währende Wahrheit des einzigen Wegs zur Zufriedenheit: Der Akzeptanz. Wo der Moment nicht bloß Mittel zum Zweck ist, um zum nächsten zu gelangen und kein „Warten auf den Applaus“ mehr die künstlerischen Sinne vernebelt.
 




Schon mit selbstbetitelten Debüt von 2014 haben Die Sonne derlei Nebelschwaden souverän verwischt. Die Platte blieb sträflich unterbeachtet, wurde sie doch überschattet von der bis dahin bereits neun Jahre lang währenden Arbeit Oliver Mincks und Benedikt Filleböcks Duo namens Wolke, mit dem sie vier Alben und eine EP lang nur mit Bass, Klavier und Drumcomputer stilsicheren Kammerpop praktizierten. Das Quintett Die Sonne, in dem auch Gitarren akustisch wie verzerrt zum Einsatz kommen und neben dem Rhythmusrechner ein echtes Schlagzeug ertönt, ist allerdings weit mehr als ein bloßes Spin-Off von Wolke. Minck und seine vier Mitstreiter spielen zugänglich und biedern sich doch niemandem an. Dem Radiopublikum der Deutschpoetenschlager ebensowenig wie den Authentizitätshubern oder den Diskursrock-Indie-Experten. Obschon letztere an kabarettistischen Einlagen wie „NRW“ (in dem die „entsetzlichen Qualen“ der Städte in Nordrhein-Westfalen durchdekliniert werden) oder „Kein Rock’n’Roll“ durchaus Freude hätten. In Humor und Intonation merkt man hier natürlich, dass Die Sonne in der Jugend eher Blumfeld als Tote Hosen rezipiert haben. Ihre Melancholie ist grenzenlos, ihr bitterböser Humor formstreng. Als ob Rio Reiser sich im Dickicht eines Tagtraums von Prefab Sprout verfangen hätte. Oder Tocotronic sich gemeinsam mit Talk Talk in einer Postrock-Session am Notausgang von Eden verlieren. Der Unterschied zur kämpferischen Kapitulation eines Dirk von Lowtzows oder zum launigen Sozialismus eines Jochen Distelmeyers liegt allerdings darin, dass Die Sonne nicht die ganze Gesellschaft, sondern eher das einzelne Leben retten wollen. Bei aller Schärfe und Konzeptualität bleibt ihre Ansprache persönlich. Sie geht unter die Haut. Sie regt nicht so pathetisch wie folgenlos dazu an, die Welt zu verändern, sondern das eigene Leben … und ist auch in dieser Wirkung absolut einzigartig.


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